WAZ Dorsten vom 15.07.2003
 

Beim Vorlesen die Fantasie kitzeln

Profi-Erzählerin lehrte Kunst des Lesens

Hervest. "Lesen, da muss man ja nur Worte aneinander reihen", sagt Monika Boguslawski. So werde es in der Schule gelehrt. Dass Lesen aber eine richtige Kunst sein kann, zeigte die Märchenerzählerin am Samstag im Kulturzentrum Brunnenplatz.
Mit seinem Gast hat sich die neue Förderinitiative für den Elementar- und Primarbereich (die WAZ berichtete) einen Profi ins Boot geholt. Vor acht Jahren hat das Mitglied der Europäischen Märchengesellschaft Lesen zum Hobby gemacht. Seitdem vermittelt die Märchenerzählerin in verschiedenen Seminaren ihr Wissen. Und genau darauf ist die Förderinitiative angewiesen, denn künftig soll Dorstener Kindern einmal pro Woche vorgelesen werden. "Die Pisa-Studie hat den Anstoß für die Initiative gegeben", erklärt Annegret Frey, Fachberaterin des Jugendamtes für die städtischen Kindergärten. "Wir wollen besonders die Lesekompetenz der Kinder stärken." Zu diesem Zweck soll vorgelesen werden. "Wir wollen bei den Kindern den Spaß an Büchern wecken und ihre Fantasie kitzeln", betont Annegret Frey. Gerade für benachteiligte Kinder sei das oftmals eine völlig neue Erfahrung, denn von zu Hause aus nicht an Bücher herangeführt, beschränkten sie sich oft auf Kassetten oder Computerspiele. Damit sich das ändert, wurden zehn "Lesepaten" gefunden, die sich künftig dem Vorlesen widmen werden. Doch bevor es richtig los gehen kann, gilt es, eigene Fähigkeiten zu verfeinern. Auch wenn es seltsam erscheinen mag: Richtig lesen ist mit harter Arbeit verbunden. Das weiß keine so genau wie Monika Boguslawski, bei der die Paten in die Lehre gingen. Dass die professionelle Märchenerzählerin die Kunst des Lesens erlernte, war eher Zufall. "Ich wollte eigentlich nur mein Gedächtnis trainieren", erzählt sie, "Märchen erschienen mir da spannender als Vokabeln". Schnell stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach ist, sich ein Märchen zu erarbeiten. "Man muss den Text zum Leben erwecken. Der Zuhörer muss sehen, was ich sehe". Der häufigste Fehler sei, dass zu schnell gelesen werde und keine Pausen eingehalten werden. Langsamkeit wird zu oft mit Langeweile gleich gesetzt. "Dabei passiert in den Pausen mehr als wenn gesprochen wird, denn erst dann entstehen Bilder." Das mussten auch die Lesepaten am eigenen Leib erfahren. Wort für Wort, Satz für Satz erarbeiteten sie sich das Übungsmärchen "Prinzessin Mäusehaut". Nach drei Stunden Artikulationstraining, Atemtechnik und Übungen zur Körperhaltung waren sich alle einig: Wer Wörter aneinanderreihen kann, kann noch lange nicht lesen.

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