Mittendrin vom 17.12.2011

Vom Geist des Erzählens


Märchenerzählerin Monika Boguslawski über Phantasie und Wirklichkeit


Märchen öffnen Türen zur Wirklichkeit, sagt Monika Boguslawski

Märchen bewegen sich in der Phantasie genauso wie in der Wirklichkeit, denn ihre Handlungen geschehen zwar an erdachten Orten, aber sie betreffen alle Lebensbereiche und damit auch den Alltag der Menschen. "Sie sind faszinierend", hat Monika Boguslawski erkannt und einer immer größeren begeisterten Zuhörermenge vermittelt.

Sie ist Märchenerzählerin. Wenn sie spricht, kann sie scheinbaren Lärm erzeugen und noch viel mehr die Stille reden lassen. All das macht sie nur durch ihre Stimmmodulation, die in die fremde Märchenwelt entführt und mitnimmt, indem sie schleifend, langsam, eindringlich eine unsichtbare Tür öffnet, damit die Hörer diese Ūktive Welt erleben können. "Ich liebe die Klarheit und Einfachheit der Sprache der Märchen, ihre Bilder", spricht Monika Boguslawski wesentliche Elemente der Struktur und Wirkung von Märchen an. Beim Erzählen gehe es darum, sprachlich-stimmlich in die Situation hineinzuführen, damit jeder auch den "goldenen Apfel" auffängt, den sie für die eng zusammensitzenden oder auf Treppenstufen hockenden Besucher ihrer Märchenabende mitgebracht hat. "Es klappt", kann sie sich auf ihre Sprechtechnik verlassen, die die Zuhörern in die Welt der Phantasie mitnimmt, die Boguslawski nicht als bloße Scheinwelt bezeichnen möchte. "Märchen betreffen alle Lebensbereiche", sagt sie und setzt fort, als habe sie Sorge, ihre Adressaten sonst zu schnell aus dem Bannkreis eilen zu lassen: "Im Märchen passiert alles. Eifersucht, Mord und Totschlag. Ganz das Leben." Doch, dass das nicht alles ist, weiß die Expertin aus Kirchhellen, die Mitglied der Deutschen Märchengesellschaft ist, nur zu gut.

Märchen enthalten nämlich Wege aus den schwierigen Situationen heraus. Deshalb lohne sich die Beschäftigung mit Märchen, seien diese eben nicht, wie ihnen eine Zeitlang unterstellt wurde, einfache Kindergeschichten. "Märchen gehen Erwachsene an", habe sie mit ihren vielen Erzählabenden, die sie auch im Jugend-Kloster immer wieder an den offenen Kamin führt, "viel Skepsis abbauen können." Durch das Erzählen, das den Stoff lebendig macht und in ihn hineinnimmt, wird die Trennung zwischen Phantasie und Wirklichkeit aufgebrochen.

Das Wundert Boguslawski nicht, denn der erlebte graue Alltag und die heile Märchenlösung seien keine Gegensätze: "Im Alltag schauen Wir auf den Ausschnitt, der gelingt oder betrüblich ist." Das Märchen hingeben folge der Handlung, die Weitergeht und deshalb gelingen könne. Somit seien das Vertrauen in die Zukunft und der damit verbundene Appell, nicht aufzugeben, maßgebliche Faktoren. Märchen seien von der Sehnsucht nach dem Gelingen bestimmt. "Darin können Wir existentielle Werte erkennen, die uns das Christentum ver- mittelt. Das ist die Sehnsucht nach dem ewigen Leben", deutet Boguslawski die Aussagen, die eine permanente Menschheitserfahrung zum Ausdruck bringen. "Märchen stammen oft aus einer Zeit, in der die Menschen für diese Erwartungen noch nicht das Wort Gott hatten", verweist die Fachfrau auf einen Ausspruch des emeritierten Bischofs von Limburg, Franz Kamphaus, der einmal gesagt hat: "Märchen sind der adventliche Vorhof zur Bibel." pn


17.12.2011  

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