Nachrichtenagentur ddp vom 22. September 2009

Monika Boguslawski ist ausgebildete Märchenerzählerin

Repertoire der 63-jährigen Bottroperin umfasst mehr als 100 Geschichten

-Von ddp-Korrespondentin Eva Zimmermann-


Monika Boguslawski ist ausgebildete Märchenerzählerin

Bevor Monika Boguslawski mit dem Erzählen beginnt, schaut sie einige Sekunden zu Boden. "Wenn ich die Bilder erst einmal vor Augen habe, erzählt sich das Märchen fast wie von selbst", sagt sie. Seit acht Jahren ist die Bottroperin ausgebildete Märchenerzählerin. Mehrmals in der Woche wird sie gebucht, um Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus ihrem Repertoire vorzutragen.

Über 100 Märchen kann sie auswendig erzählen: von den Klassikern der Brüder Grimm bis hin zu Märchen aus China, Lettland oder Russland.

Obwohl der Terminkalender der 63-Jährigen voll ist und die Nachfrage steigt, ist das Märchenerzählen für Boguslawski eher Berufung als Beruf. Leben kann sie von den Einnahmen nicht, weil sie für ihre Märchenstunden nur ein geringes Honorar verlangt. "Sonst könnten sich das ja nur Besserverdienende leisten", sagt sie. "Und Märchen sind schließlich für alle da."

Vor 13 Jahren ist Boguslawski zufällig auf das Märchenerzählen gestoßen, als sie von der Europäischen Märchengesellschaft (EMG) erfuhr. Bei der Gesellschaft mit Sitz bei Rheine hat die Bottroperin dann das Erzählen gelernt. Um von der EMG als Märchenerzählerin empfohlen zu werden, musste sie mehrere theoretische und praktische Seminare besuchen. Bisher wurden 25 Erzähler aus NRW von der EMG ausgebildet, bundesweit sind es 120.

Sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene sind bei der sogenannten Erzählförderung der EMG willkommen. In einer Abschlussveranstaltung beurteilt eine Jury Praxis und Theorie des Märchenerzählens. "Das eigentliche Erzählen ist uns genauso wichtig wie das Wissen über die Entstehung oder die pädagogische Bedeutung der Märchen", sagt Sabine Lutkat, Vizepräsidentin der EMG und Herausgeberin wissenschaftlicher Märchen-Literatur. Allerdings habe die Förderung keinen berufsausbildenden Charakter, fügt sie hinzu. Vielmehr diene die Anerkennung der Märchenerzähler durch die EMG dazu, diese weiter empfehlen zu können.

Seitdem Boguslawski ihre Abschlussveranstaltung im Jahr 2001 erfolgreich bestanden hat, betreibt die Märchenliebhaberin das Erzählen professionell. Regelmäßig trainiert sie mit einer Sängerin ihre Stimme. "Stimmbildung ist wichtig, damit ich das viele Erzählen auch durchhalte", sagt sie.

Zudem lernt sie laufend neue Märchen. "Überall in der Wohnung habe ich dann Zettel mit dem Text herumliegen", erläutert sie ihren Lernprozess. "Ich lese das Märchen immer und immer wieder, bis ich es auswendig kann." Das Wichtigste ist der Märchenerzählerin dabei die Nähe zum Text: "Die Grimmschen Märchen etwa sind so rund und schön formuliert. Diese Sprache möchte ich beim Erzählen nicht verfälschen."

Damit sich das Erzählen der Märchen nicht wie auswendig gelernt anhört, müssen laut Boguslawski nicht nur die Körperhaltung und die Atmung stimmen. "Die Bilder sind wichtig. Wenn ich vor Augen habe, was im Märchen passiert, dann kommt die Geschichte auch viel besser beim Publikum an. Die Kinder bekommen dann rote Wangen, und der Mund bleibt ihnen offen stehen", sagt sie.

Doch nicht nur bei Kindern sind Märchen beliebt. Auch von Erwachsenen wird Boguslawski oft gebucht. Lutkat sieht in der generationsübergreifenden Beliebtheit der Märchen eine wichtige Eigenschaft der symbolhaften Geschichten: "Märchen sind Mutmachgeschichten. Die Helden müssen sich auf den Weg machen, um am Ende ihr Glück zu finden." Dieses lebensbejahende Weltbild spreche daher nicht nur Alt und Jung, sondern auch ganz unterschiedliche Kulturen an.

Wie gut ein Märchen beim Publikum ankommt, prüft Boguslawski während des Erzählens. "Ich halte immer Blickkontakt mit den Zuhörern. Das ist ja der Vorteil des Erzählens", sagt sie. "Beim Vorlesen müsste ich auf mein Buch gucken. So kann ich in die Gesichter blicken und freue mich, wenn ich in leuchtende Augen schaue."

Bottrop (ddp-nrw)

 


September 2009  

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