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Mein Märchen für den Monat April

"Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit;
wir Kurzsichtigen!
Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel
Leben möchten"

Friedrich Wilhelm Nietzsche, (1844 - 1900), Philosoph



Alter Riesenhupf

Es waren einmal zwei Nachbarn; der eine war reich und der andere arm. Sie hatten eine große Wiese gemeinschaftlich, die sie miteinander mähen und das Heu teilen mußten.
Aber der Reiche wollte die Wiese für sich allein haben und sagte zu dem Armen, er wolle ihn von Haus und Hof vertreiben, wenn er nicht auf den Vertrag eingehe, dass der, der an einem Tag das größte Stück mähen könne, die ganze Wiese haben solle.
Nun trieb der Reiche so viele Schnitter auf, als er nur konnte, aber der Arme konnte nicht eines einzigen habhaft werden. Schließlich wurde er ganz verzweifelt und weinte, weil er nicht wusste, wo er auch nur ein bisschen Heu für die Kuh herbekommen sollte.
Da trat ein großer Mann auf ihn zu und sagte: "Sei nur nicht betrübt. Ich weiß schon, was du tun musst. Wenn ihr zu mähen anfangt, so rufe nur dreimal hintereinander: Alter Riesenhupf! dann wird's nicht fehlen, du wirst schon sehen!" Und damit war er verschwunden.
Aber dem armen Mann war das Herz leichter geworden, und er machte sich weiter gar keine Sorgen mehr.
Eines schönen Tages kam nun der Reiche mit nicht weniger als zwanzig Leuten, und sie mähten einen Strich nach dem anderen nieder. Aber der Arme nahm sich nicht einmal die Mühe anzufangen, als er sah, wie die andern zu Werk gingen, und dass er allein gar nicht zurecht kommen konnte.
Da fiel ihm der große Kerl ein und er rief: "Alter Riesenhupf!" Aber es kam niemand. Und die Schnitter verlachten und verspotteten ihn und meinten, er sei von Sinn und Verstand. Da rief er noch einmal: "Alter Riesenhupf!"
Aber auch diesmal ließ sich kein Riesenhupf sehen. Und die Schnitter konnten nicht einen einzigen Sensenzug tun, denn sie lachten, dass sie fast platzten.
Aber nun rief er zum drittenmal: "Alter Riesenhupf!" Und da kam ein greulich großer Kerl mit einer Sense so groß wie ein Mastbaum.
Nun war es aus mit der Freude bei den Schnittern des reichen Bauern. Denn wie der Große anfing zu mähen und um sich zu arbeiten, kam ihnen ein Schrecken, weil er so gewaltig zu Werk ging. Und ehe sie sich's versahen, war die halbe Wiese abgemäht.
Da kam der reiche Bauer in Wut und schoss herbei und gab dem Riesen einen Fußtritt hinten drauf. Aber das half ihm weiter nichts, als dass sein Fuß hängen blieb. Der Riese spürte den Tritt nicht mehr als einen Flohstich und schaffte ruhig weiter.
Aber nun dachte sich der Reiche einen Schlich aus, wie er loskommen könnte, und gab dem Riesen auch mit dem anderen Fuß einen Schupps. Da blieb auch dieser kleben, und der Bauer hing da wie eine Zecke. Und der alte Riesenhupf mähte die ganze Wiese zu Ende und fuhr dann in die Luft hinauf, und der Reiche hinten im Schlepptau musste mit. So blieb der Arme allein Herr im Haus.
Quelle: Stroebe, Clara: Nordische Volksmärchen. 1 Teil: Dänemark/Schweden. Übersetzt von Klara Stroebe, Jena: Eugen Diederichs, 1915, S. 215-216,261-262.