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Mein Märchen für den Monat Mai

"Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit;
wir Kurzsichtigen!
Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel
Leben möchten"

Friedrich Wilhelm Nietzsche, (1844 - 1900), Philosoph



Aus der Schöpfungsgeschichte.

 Einst war nichts als oben der Himmel und unten Gewäßer. Da schiffte einmal Gott auf dem Waßer umher und fand ein großes, großes Stück festen Schaumes, darin der Teufel stak. "Wer bist du?" fragte ihn Gott. Der Böse antwortete: "Ich habe nicht Not, Dir Rede zu stehen, außer wenn Du mir versprichst, mich auf Dein Fahrzeug zu nehmen." "Ich will es thun!" "Ich bin also der Teufel." So fuhren beide herum und unterredeten sich, bis der Teufel begann: "Wie gut wäre es, wenn es ein Festland gäbe?" "Das soll werden", antwortete Gott; "tauche Du hinab bis auf den Meeresgrund und bringe eine Handvoll Sand herauf, daraus will ich ein Festland schaffen. Wenn Du aber hinabgelangt bist und nach dem Sande greifst, so vergiß nicht zu sagen: "Ich nehme Dich im Namen Gottes." Der Teufel ließ es sich nicht zweimal sagen, sank in Eile unters Waßer und auf dem Grunde angelangt, griff er mit beiden Händen gierig in den Sand hinein, mit den Worten: "Ich nehme Dich in meinem Namen." Als er auf die Oberfläche gelangte und in die Hände hineinsah, die er sich fast wund gedrückt hatte, erstaunte er nicht wenig, als er sie leer fand. Was in ihm vorging, bemerkte Gott und sprach: "Warum hast Du nicht gesprochen, wie ich Dir geheißen?" Er tauchte wieder auf den Grund des Meeres hinab, langte nach dem Sande und sprach: "Ich nehme Dich in seinem Namen." An die Oberwelt brachte er aber nicht mehr Sand, als was unter den Nägeln Platz gefunden hatte. Gott nahm dieses bißchen Sand, streute es aufs Waßer, und es war Festland, nicht größer jedoch als ein Ruhebett. Als es Nacht wurde, legten sich Gott und Teufel auf das Festland nieder, um auszuruhen. Unser Herrgott war kaum eingeschlummert, da stieß ihn der Teufel gegen Osten, damit er ins Waßer falle und untergehe. Nach welcher Gegend er ihn gestoßen, in dieser Richtung ward weites, weites Festland. Der Teufel versuchte es mit einem Rippenstoße nach Westen, und auch nach dieser Himmelsgegend dehnte sich das Festland gar weit aus. Auf gleiche Weise wurde die Erweiterung des Festlandes auch nach den übrigen Himmelsgegenden veranlaßt.
 Als Gott das Festland erschaffen hatte, stieg er in den Himmel. Der Teufel wollte aber von seiner Gesellschaft nicht laßen und folgte ihm auf dem Fuße. Hier hörte er, wie die Engel Gott Loblieder sangen, und er wurde traurig darüber, daß er niemand habe, der sich seiner Ankunft freue. Er trat zu Gott und flüsterte ihm ins Ohr: "Was soll ich machen, um auch ein solches Gefolge zu haben?" Gott antwortete ihm: "Wasche Dir Hände und Gesicht und sprenge mit diesem Waßer rücklings." Er that es und es entstanden Teufel in so großer Anzahl, daß die Engel und Heiligen im Himmel kaum mehr Raum hatten. Gott merkte jetzt wohl, welche Gefahr die Seinigen bedrohe. Er berief den heiligen Elias zu sich und befahl ihm zu donnern und zu blitzen. Elias freute sich der Gelegenheit und lärmte, donnerte und blitzte und ließ durch 40 Tage und Nächte regnen, und mit dem gar großen Regen fielen auch die Teufel vom Himmel zur Erde nieder. Endlich war der Vorrat an bösen Geistern erschöpft und es fingen auch an die Engel herabzufallen. Da befahl Gott Elias einzuhalten, und wo ein Teufel, im Fallen begriffen, in diesem Augenblicke sich gerade befand, dort blieb er stehen. Darum fahren jetzt zur Nachtzeit Lichtfunken an dem Himmel herum, als wenn es Sterne wären. Es sind die Teufel, die erst jetzt zur Erde niederfallen.

Quelle: Kaindl, Raimund Friedrich: Ruthenische Märchen und Mythen aus der Bukowina. In: Zeitschrift für Volkskunde 9 (1899) 401-420, Berlin: A. Asher & Co, S. 414-415.