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Mein Märchen für den Monat September

"Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit;
wir Kurzsichtigen!
Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel
Leben möchten"

Friedrich Wilhelm Nietzsche, (1844 - 1900), Philosoph



Die Himmelsleiter

In früheren Zeiten konnten die Menschen von der Erde zum Himmel hinaufsteigen, und umgekehrt konnten die Menschen aus dem Himmel zur Erde hinabsteigen. Damals lagen Himmel und Erde noch nahe beieinander. Auf der Leiter aus Holz war ein ständiges Hinauf und Hinab.
Im Himmel lebte, nicht weit von der Leiter entfernt, eine Großmutter mit ihren beiden Enkeln. Eines Tages trug die Alte Frau ihren Enkeln auf, zur Erde zu gehen und Feuer zu holen. Die beiden Kinder stiegen hinunter, um das Feuer zu holen. Sie gingen hierhin, gingen dorthin, und überall fragten sie nach einem Haus oder einem Ort, wo es Feuer gäbe. Nach langem Fragen kamen die beiden schließlich zu einer Hütte, darin war Feuer. Da sagt der Ältere: "Ha, jetzt haben wir das Feuer gefunden. Komm, wir tragen es zur Großmutter. Sie wird sich freuen, wenn sie es bekommt. " – "Ja, aber wie sollen wir es tragen? " fragt der Jüngere. "Ganz einfach", sagt der Bruder, und er nahm ein Stück brennender Holzkohle mit der Hand auf. Weil sie glühte, warf er die Kohle wieder hin und sagte: "Vorsicht, Bruder, das Feuer hat Zähne. Es hat beinahe meine Hand abgebissen. " – "Zähne? " Sagt der Jüngere. "Warte, ich hole ein Seil, dann binden wir die Kohle fest und schleifen sie hinter uns her. " Während er das sagt, geht er schon los und sucht ein Seil. Nachdem er eines gefunden hat, bindet er die Kohle fest. "Komm, Bruder", sagt er jetzt zu dem Älteren, "wir ziehen die Kohle. " Er hat noch nicht ausgesprochen, da sieht er: das Seil ist vom Feuer gefressen worden. "Ach, das Seil ist durchgebissen", sagt der Jüngere, "was sollen wir jetzt tun? " – "Ganz einfach", antwortet der Ältere, "wir fangen die Kohle und stecken sie in meine Tasche. "
Sie holen die Kohle und stecken sie in die Tasche des Älteren. Einen Moment später brennt die Tasche auch schon, und die Kohle fällt zu Boden. Die beiden Kinder verzweifeln immer mehr. Was sollen sie tun mit so einem kleinen Feuer, das in die Hand beißen, Seile durchtrennen und Taschen durchlöchern kann?
"Wo sitzen eigentlich die Zähne des Feuers? " fragt der Jüngere. "Das weiß ich auch nicht", erwidert sein Bruder. " Wenn ich es wüsste, würde ich ihm die Zähne ausschlagen! " Die beiden drehen die Kohle hin und her, wo wohl die Zähne sein könnten. Doch weil sie nirgends zu sehen sind, setzen sie sich ratlos hin.
Plötzlich sagt der Ältere: "Ich hab einen Plan. Lass uns die Kohle nehmen und in meine Decke packen; wir werden sie so fest einwickeln, dass sie nicht beißen kann. " Nachdem er so gesprochen hat, nimmt er die Kohle wieder und wickelt sie in seine Decke. Dann sagt er zum jüngeren Bruder: " Komm, Bruder, gehen wir heim, das Feuer kann jetzt nichts mehr machen". Danach gehen sie mit dem eingewickelten Feuer zur Leiter. Sie wussten nicht, dass das Feuer bereits die Decke angesteckt hatte. Als es heiß wurde, sagte der Ältere: "Ayo, komm schnell, Bruder, es beginnt wieder zu beißen! " Und jetzt eilen sie in Richtung Leiter. Bevor sie dort ankommen, lodert das eingewickelte Feuer, verbrennt die Decke und verletzt den Körper des Älteren. Da werfen sie das Feuer auf den Boden und lassen es das Gras anbrennen, und die nahe der Leiter aufgehäuften trockenen Blätter brennen auch. Das Feuer lodert immer höher, und schließlich verbrennt auch die Holzleiter; die Menschen aus dem Himmel können nicht mehr auf die Erde, und umgekehrt die von der Erde nicht mehr in den Himmel. Beim Anblick der brennenden Leiter fürchteten sich die beiden Kinder, liefen davon und versteckten sich im Wald. Als die alte Frau hörte, dass die Leiter, die Himmel und Erde verband, von Feuer aufgefressen war, wusste sie, dass das ihre beiden Enkel angerichtet hatte. Zornig ging sie nahe an das Loch und rief nach ihren beiden Enkeln, doch niemand antwortete.
Im Zorn verwünschte sie die beiden. Als sie die Verwünschung ausgesprochen hatte, hob sich der Himmel höher und höher. Die beiden verwünschten Kinder wurden in Tauben verwandelt und flogen zum Himmel hinauf, doch sie kamen nicht durch, der Himmel hatte sich schon zu hoch erhoben. Die beiden kehrten zur Erde zurück, nahmen sich Frauen und lebten als blühende Paare, die sich, wie man heute sehen kann, zu Tausenden vermehrten.

("Der verlorene Himmel" Ursprungsmythen Bd 2, hrsg. Von Olga Rinne, Sammlung Luchterhand, Darmstadt 1985, von linde Knoch leicht veränderte Fassung):