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Mein Märchen für den Monat September

"Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit;
wir Kurzsichtigen!
Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel
Leben möchten"

Friedrich Wilhelm Nietzsche, (1844 - 1900), Philosoph



Das Gespenst in Fjelkinge

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörten mehrere große Güter in Schonen dem Hause Barnekow, oder richtiger, seiner damaligen vornehmsten Vertreterin, der Frau Margarete Barnekow, Tochter des berühmten Feldherrn und Generalgouverneurs Grafen Rutger von Ascheberg und vermählt mit dem Obersten Kjell Kristofer Barnekow. Mit neunundzwanzig Jahren Witwe, übernahm sie selbst ihre großen Güter, bei deren Besorgung sie einen unbeugsamen Mut, nie versagende Arbeitskraft und unermüdliche Fürsorge für ihre vielen Untergebenen an den Tag legte.
Bei einer Reise auf ihren Gütern kam Frau Margarete eines Abends in das Wirtshaus in Fjelkinge und erhielt als Nachtquartier einen Raum, in dem es nicht geheuer sein sollte. Ein Reisender hatte vor etlichen Jahren in demselben Zimmer gelegen und war vermutlich ermordet worden, wenigstens war der Mann und seine Sachen spurlos verschwunden, ohne dass es aufgeklärt wurde, wie die Geschichte sich zugetragen hatte. Seitdem spukte es nachts in dem Zimmer, und wer davon wusste, der reiste lieber eine Poststation weiter im Dunkeln, als dass er in diesem Zimmer übernachtet hätte. Margarete Barnekow machte es aber nicht so. Sie hatte schon größeren Mut gezeigt als in diesem Fall und wählte ohne Furcht dieses Zimmer als Schlafgemach.
Sie ließ die Lampe brennen und schlief ein, nachdem sie ihr Abendgebet gesprochen hatte. Schlag zwölf wachte sie auf, wie eben einige Planken am Fußboden aufgehoben wurden; herauf stieg ein blutiger Schemen, dem das klaffende Haupt auf die Schulter hing.
&qout;Edle Frau!&qout; flüsterte das Gespenst, &qout;bereitet einem Ermordeten ein Grab in geweihter Erde und überliefert den Mörder der gerechten Strafe!&qout;
Gottesfürchtig und unerschrocken winkte Frau Margarete dem Toten näherzutreten, und er erzählte, dass er dieselbe Bitte schon an mehrere Leute gerichtet hätte, und keiner habe den Mut gehabt, sie zu erfüllen. Da zog Frau Margarete einen goldenen Ring von ihrem Finger, legte ihn in die klaffende Wunde und verband das Haupt des Ermordeten mit ihrem Taschentuch. Mit einem Blick voll unsäglicher Dankbarkeit tat er ihr den Namen des Mörders zu wissen und verschwand lautlos unter dem Boden.
Am folgenden Morgen ließ Frau Margarete den Amtsvorstand mit seinen Leuten in das Wirtshaus kommen, berichtete, was ihr in der Nacht begegnet war, und befahl den Anwesenden, den Fußboden aufzureißen. Da fand man in der Erde eingegraben einen halbvermoderten Leichnam, und in der Kopfwunde den Ring der Gräfin, und ihr Taschentuch um sein Haupt gebunden. – Bei diesem Anblick erbleichte einer der Umstehenden und fiel ohnmächtig zu Boden. Als er wieder zur Besinnung kam, bekannte er, dass er den Reisenden ermordet und sein Gut geraubt habe. Für diese Untat wurde er zum Tode verurteilt, und der Ermordete wurde auf dem Dorfkirchhof bestattet.
Der Ring, der eine eigenartige Form hat, mit einem gefassten großen grauen Stein, wird noch im Geschlecht der Barnekows verwahrt, und man schreibt ihm eine wundertätige Kraft gegen Krankheit, Feuersbrunst und andere Unglücksfälle zu. Wenn einer von dem Hause stirbt, so soll ein roter Fleck wie ein Blutstropfen auf dem Stein erscheinen.

Quelle: Stroebe, Clara: Nordische Volksmärchen. 1 Teil: Dänemark/Schweden. Übersetzt von Klara Stroebe, Jena: Eugen Diederichs, 1915, S. 306-308.