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Mein Märchen für den Monat Sepember

"Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit;
wir Kurzsichtigen!
Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel
Leben möchten"

Friedrich Wilhelm Nietzsche, (1844 - 1900), Philosoph



Das Hähnchen Goldkamm

Vor langer Zeit lebten einmal ein Kater, eine Droßel und ein Hähnchen. Sie wohnten miteinander in einer kleinen Hütte im Wald. Der Kater und die Droßel besorgten das Holzhacken, und wenn sie in den Wald gingen, ließen sie das Hähnchen allein zu Haus.
Doch ehe sie sich aufmachten, schärften sie ihm sorglich ein: "Wir gehen weit weg, du hütest das Haus. Sollte der Fuchs kommen, dann sei ganz still und schau nicht zum Fenster hinaus."
Doch der Fuchs hatte bald herausgebracht, daß der Kater und die Droßel nicht daheim waren. Er lief zu dem Häuschen, setzte sich vors Fenster und sang mit süßer Stimme:
"Hähnchen, Hähnchen hold, mit dem Kamm von eitel Gold, mit dem Köpfchen so glatt und, dem seidigen Bart, schau zum Fensterchen hinaus, geb' 'ne Erbse dir zum Schmaus."
Kaum vernahm das Hähnchen dies Lied, da steckte es auch schon den Kopf zum Fenster hinaus. Der Fuchs packte das Hähnchen mit seinen Fängen und schleppte es zu seinem Bau.
Da schrie das Hähnchen:
"Der böse Fuchs schleppt mich davon, über Felder so weit, über Waßer so breit, über Wälder so dunkel und dicht, kommt, Freunde, rettet mich!"
Als der Kater und die Droßel diesen Ruf vernahmen, eilten sie sogleich dem Fuchs nach und entrißen ihm das Hähnchen. Ein andermal mußten der Kater und die Droßel wieder im Wald Holz hacken. Sie schärften dem Hähnchen ein:
"Schau nur nicht aus dem Fenster. Wir gehen heut noch weiter fort. Wenn du uns rufst, werden wir es nicht hören." Sie machten sich auf den Weg. Der Fuchs aber kam wieder zur Hütte gelaufen und sang:
"Hähnchen, Hähnchen hold, mit dem Kamm von eitel Gold, mit dem Köpfchen so glatt und dem seidigen Bart, schau zum Fensterchen hinaus, geb' 'ne Erbse dir zum Sehmaus."
Unser Hähnchen aber saß im Haus und ließ keinen Laut vernehmen. Da begann der Fuchs aufs neue:
"Viel Korn ward verstreut von den kleinen Leut', was die Hennen erfreut, doch die Hähne, sie dürfen nicht picken."
Da steckte das Hähnchen seinen Kopf zum Fenster hinaus und rief entrüstet: "Gack-gack-gack, was soll das heißen? Warum dürfen die Hähne nicht picken?" Flugs packte der Fuchs das Hähnchen mit seinen Fängen und trug es seinem Bau zu.
Das Hähnchen krähte laut:
"Der böse Fuchs schleppt mich davon, über Felder so weit, über Waßer so breit, über Wälder so dunkel und dicht, kommt, Freunde, rettet mich!"
; Der Kater und die Droßel vernahmen den Hilferuf und jagten dem Fuchs nach. Der Kater rannte in großen Sprüngen, die Droßel flog mit flatternden Schwingen... Bald hatten sie den Fuchs erreicht und fielen über ihn her; der Kater kratzte, die Droßel hackte. So befreiten sie das Hähnchen.
Viele Tage gingen hin, und einst mußten der Kater und die Droßel wieder im Wald Holz hacken. Vor dem Fortgehen sprachen sie mit aller Strenge zu dem Hähnchen: "Hör nicht auf den Fuchs und bleib dem Fenster fern. Wir gehen diesmal noch weiter in den Wald hinein und werden deine Stimme nicht hören."
Der Kater und die Droßel wanderten sehr weit. Der Fuchs aber war sogleich wieder zur Stelle. Er setzte sich vors Fenster und stimmte sein Liedchen an:
"Hähnchen, Hähnchen hold, mit dem Kamm von eitel Gold, mit dem Köpfchen so glatt und dem seidigen Bart, schau zum Fensterchen hinaus, geb' 'ne Erbse dir zum Sehmaus."
Das Hähnchen rührte sich nicht. Da sang der Fuchs aufs neue:
"Viel Korn ward verstreut von den kleinen Leut', was die Hennen erfreut, doch die Hähne, sie dürfen nicht picken."
Das Hähnchen blieb auch diesmal still. Da hub der Fuchs abermals an:
"Viele Nüße war'n verstreut von den kleinen Leut', was die Hennen erfreut, doch die Hähne, sie dürfen nicht picken."
"Gack-gack-gack, was soll das heißen?" krähte das Hähnchen und streckte den Kopf zum Fenster hinaus. Der Fuchs packte es geschwind und lief mit ihm zu seinem Fuchsloch hinter den Feldern so weit, den Waßern so breit und den Wäldern so dunkel und dicht... Das Hähnchen schrie und jammerte aus Leibeskräften, doch der Kater und die Droßel vernahmen es nicht. Und als sie abends heimkamen, war das Haus leer. Da eilten der Kater und die Droßel der Fährte des Fuchses nach. Der Kater rannte in großen Sprüngen, die Droßel flog mit flatternden Schwingen... So kamen sie vor das Fuchsloch. Der Kater stimmte die Gusli* (*Gusli-zitherartiges Saiteninstrument) und begann zu klimpern:
"Gusli, laß die Saiten klingen, Kling-ling-ling. Ist Herr Fuchs, der feine, drinnen? Kling-ling-ling. Warm und traulich muß es sein, Kling-ling-ling. In seinem Häusel, sei's auch klein, Kling-ling-ling."
Dies hörte der Fuchs und dachte: ,ich muß doch mal nachschaun, wer da vor meiner Tür so schön auf der Gusli spielt und so lieblich singt.'
Und er kroch heraus. Allsogleich stürzten sich der Kater und die Droßel auf ihn und verdroschen ihn fürchterlich. So fürchterlich, daß er sich nur mit Müh und Not davon schleppen konnte. Das Gockelhähnchen aber setzten sie in ein Bastkörbchen und trugen es heim. Und wenn es nicht gestorben ist, so lebet es noch heut.

Quelle: Märchen aus Rußland