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Mein Märchen für den Monat Juni

"Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit;
wir Kurzsichtigen!
Als ob wir in irgendeinem Lebensalter ohne Märchen und Spiel
Leben möchten"

Friedrich Wilhelm Nietzsche, (1844 - 1900), Philosoph



Der aufgeblasene Hahn (Russland)

Auf einem Bauernhof lebte einmal ein Hahn. Schonton war sein Name. Dieser Schanton fühlte sich als großes Tier. Er bedrängte alle. Nicht nur seine Hennen, auch den Puter jagte er unter die Schuppen. Die Zugochsen gingen ihm aus dem Weg, die Pferde waren bange vor ihm. Alle versetzte er in Schrecken.
"Kikeriki! Wie groß ist die Macht meiner Stimme! In der Frühe krähe ich die Morgenröte aus dem Schlaf, lasse die Sonne aufgehen. Die Menschen bringe ich auf die Beine. Ochsen und Pferde zwinge ich, rechtzeitig mit Pflügen und Eggen anzufangen." Weit war es gekommen. Schanton ängstigte die Tiere mit einer Drohung: "Kikeriki! Morgen krähe ich nicht! Ohne mit kann die Morgenröte nicht leuchten, die Sonne nicht aufgehen. Dann bleibt ihr in der Finsternis, Kikeriki!"
Da umringten alle den Hahn, bestürmten ihn mit Bitten: "Gnade, Schanton Kkerikijewitsch Gnade! Nimm uns die Sonne nicht weg!" "Na meinetwegen", sagte Schanton. "Ich werde also krähen, den Morgen dämmern die Sonne aufgehen lassen. Dann wollen wir weitersehen."
Das hörte ein vorüberfliegender Kuckuck und rief: "Was, ihr glaubt dem Hahngezeter? Ist doch nur ein Lügenpeter! Kuk-kuck!" Der Puter war schlau. Er spornte den Hahn an:"Schanton Kikerikijewitsch! Zeig ihm, dass du Herr der Morgenröte bist und Gebieter der Sonne. Krähe morgen einfach nicht. Laß sie alle einen Tag im Dunkeln sitzen!" Der Puter redete ihm derart nach dem Schnabel, dass Schanton der Kamm schwoll, und er beschloss, nicht zu krähen. Die Nacht war vergangen - der Hahn krähte nicht. Die Morgenröte stieg auf. Der Puter setzte dem Hahn zu. "Sag ihr, sie soll sich fortscheren! Sie erlöscht dann eins-zwei-drei."
Schanton sauste der Morgenröte entgegen und krähte: "Sofort aufhören, du Unfolgsame: Verschwinde!"
Aber das Morgenrot wurde noch rosiger. Die Sonne ging auf. Schanton ging auf die Sonn los und zeterte: "Kusch! Sofort herunterkommen!"
Doch die Sonne stieg höher und höher. Alles belebte sich, alle freuten sich. Schanton verkroch sich unter den Schuppen. Darauf hatte der Puter nur gewartet. Er schlug ein Rad, spreizte die Flügel und kollerte mit lauter Stimme: "Schanton ist ein Prahlhans, kulla-kulla-kull! Ein Prahlhans ist Schanton, kull-kull-kull!"